Die Ballade von der Sally 4ever


(Aus Claudia Mühlhans: der gemeine Zauber)

  1. Als Sally erfährt, dass ihr Mann sie betrügt,
    Mit einer jüngeren Kuh
    -Er ist ihr Dozent in Literatur
    Sie ist die Studentin dazu –
    Da trifft sie tiefinnen der Schlag. Und er hat mal geschworen, für immer nur Dein
    Sie erinnert sich genau an den Tag
    Die sirrende Nadel, das große Tatoo
    Sally 4ever soll’s sein.
  1. Sie liebten sich innig und auch manchmal oft
    Dass Kinder entstanden, war gut
    Fliegender Wechsel in Vegas vom Ring
    Legitimierte die Liebesglut – Die Bank lieh Geld: Ein Haus, ein Muss. Und er schwor bei den Kindern, für immer nur Dein
    Sie spürt noch den besiegelnden Kuss
    Sie schlürfen das Leben, gelegentlich Wein
    Sally 4ever soll’s sein.
  1. Es gehen die Jahre, die Häuser werden groß
    Die Kinder wachsen im Nu
    Sie lieben sich selten
    Doch beteuern’s sich oft – Als schauten sie ihrem eigenen Leben zu. Und er sagt zu ihr: Schatz, für immer nur Dein
    Sie spürt, er will seine Ruh’
    Sie sehen zusammen in des Fernsehers Schein
    Sally 4ever soll’s weiter sein.
  1. Sie stellt ihn zur Rede: Wo ist die Liebe, Du?
    Er beteuert, das bedeute doch nichts
    Ein Mann rutsche nun mal aus ab und zu
    In dem komplexen Lebensgeflicht – Mit Würgen im Hals zeigt sie ein steinern’ Gesicht. Und er schwört auf den Knien, für immer nur Dein
    Sein Haar wird schon langsam licht
    Sie lässt sich auf Kompromisse ein
    Sally 4ever soll’s doch sein.
  1. Erst weint sie, dann schreit sie, telefoniert
    Die Freundinnen stellen sich ein
    Verlass’ ihn, bleib bei ihm, sitz es doch aus
    Eine Frau wie Dich findet er nie – Noch mal, wie mag die Andere sein? Zweimal die Woche versichert er ihr: Ich bin für immer nur Dein
    Geht dann zu der Anderen
    Sie sitzt da und heult
    Sally 4ever allein.
  1. Er blüht, sie welkt, die Kinder, sie flieh’n
    Da lädt sie die Andere ein
    Die kommt, sie ist jung
    Doch mehr ist sie nicht Wie kann er nur so blöde sein? Und er sagt nicht mal mehr, für immer nur Dein
    Er grinst der Anderen zu
    Tätschelt den Schenkel, die patschige Hand
    Sally, soll’s immer so sein?
  1. Und er holt seine Freundin ins glückliche Heim
    Die Arme leidet so sehr
    Das Haus ist doch groß, wir haben viel Platz
    Für die Nachbarn ist’s ein Aupair – Da schrumpft Sallys Liebe sich tot. Sie kann nicht mehr hoffen, für immer nur Dein
    Und stellt sich der inneren Not
    Trennt sich, nicht von ihm, aber schon
    Von Sally 4ever soll’s sein.
  1. Sally kocht gut und sie kocht jetzt viel
    Schüttet listig Sahne und Fett
    Ins Essen der Nutte, der dämlichen Kuh
    Die frisst nämlich tüchtig was weg – In den weichen, schwammigen Schoß. Und er sagt jetzt wieder zu Sally, für immer nur Dein
    Sein Irrtum und die Reue sind groß
    Die Neue muss weg, der Reiz ist vorbei
    Sally 4ever soll’s wieder sein.
  1. Und Sally packt der Kleinen ihr Zeug
    Der Mösenausflug ist zu End’
    Er reicht ihr einen Scheck, üppig wie Gold
    Die reißt ihn ihm aus den Händen – Dann ist sie fort, sie sind alleine zu Haus. Und er spricht unter Tränen, für immer nur Dein
    Sie sagt, morgen ganz früh ziehst Du aus
    Mein Herz gehört jetzt mir ganz allein
    Sally 4ever, so soll’s sein.

Elvis war ein Kolibri


Jetzt
fällt der Flügelschlag
des Kolibris
auf das unerhörte Schweigen
der Luft –
elegant ins sirrende, schwirrende
Herz des Lichts.

Liebe
lässt uns runden
die Lippen
zum schmetternden Vibrieren
der Luft –
triumphierend geführt
zum goldenen Punkt.

Später
färbt kein Bogen das Licht
im Nichts
so rot, so rot, so rot
wenn unsere Köpfe neigen
an baumelnden Hälsen
so tot, so tot, so tot.

(Aus Claudia Mühlhans: Der gemeine Zauber)

Halt! Eine Frage!


„Ja“, rufen die Krieger,
„wir wollen Krieg!“
„Nein“, rufen die Friedfertigen,
„wir wollen Frieden!“
So irrt der Mensch von Pol zu Pol
von Ost zu West
und muss erneut erkennen,
dass die Erde
keine Scheibe ist.

Am Ende steht der Anfang
Töten ist nicht Tod
sondern sinnloses Morden
das Leben sprießt neu
an allen uns denkbaren Orten
(an den anderen auch)

Denken ist nicht wahr
Wissen kann nicht wissen
von Dingen
von denen wir nicht wissen
dass wir sie nicht wissen
und sie doch vermissen
obwohl wir an Automaten glauben
aus denen man NICHTS zieht.
Wir sind Erbsenzähler
während die Schote genau weiß
wie viele Erbsen
darauf warten
Mäuler zu nähren
oder sich zu vermehren
(beides bedeutet ihr NICHTS.)

Sie IST einfach
rund und grün, grün wie die Erde
wie eine Wellenlänge Licht
im Regenbogen (wir sehen ihn oft nicht),
und IST doch,
umstrahlt uns immerdar
wie die grauen Betonleichen
in denen der Tod zerfällt
unsichtbar, wie er nun mal ist.
Das strahlende Leben
ist der Sonne vorbehalten!

Das Glück ist flüchtig
das Unglück persönlich
ich tausche eins mit dem Anderen,
lebe auf und mit unserer Erde.
Warum bedeutet EUCH
das Leben
NICHTS?

(Aus Claudia Mühlhans: Der gemeine Zauber)

An alle Liebenden


Brecht alle Regeln –
die zehn Gebote, verlasst die Eltern,
esst die Teller nicht leer –
vergesst Arzttermine, lasst Freunde warten
begleicht Rechnungen nicht mehr.

Zählt nicht den Cent,
nicht Millionen
gebt Lottogewinn kein Gewicht.
Versetzt keine Berge, verletzt nicht die Bäume,
achtet der Bürgersteigkanten nicht –

Sülzt keine Worte
wünscht niemand ruhige Nächte
lasst hinter euch berufliche Pflicht –
wenn Glocken läuten, löst nicht deren Rätsel
schwänzt schwarze Priesterschicht.

Gehet zu dem
den ihr liebt –
hebelt das Himmelsgewölbe aus
werft weg Lichtschranken
schreitet hinaus –
zu dem, den ihr liebt.

Elegantes Duell


Kreuz und quer geflogen
bedeckt mit Blumenstickereien
fein und spitz
wie hohe Luft
jetzt
einen Tropfen Tau
und dann
der Stich ins Herz.

Target


Treffenderweise
flieget der Pfeil
gut abgeschossen
am Ziel nie vorbei.

Spannender Bogen
umarme den Tod
im Ziele, dem Schwarzen
im Herzstück, so rot.

An einem Tag im Januar


Die Liebe fiel –
stärker als der Tag –
wie ein Dolchstoß
in den Rücken mir

mit leichter Fechthand
hart wie zart
parier‘ mit Silberfingern
ich Glückspennys hier

auf mein täglich Brot
wickle es in Sonnenschein, so klar
und das war’s
an einem blauen Tag im Januar.

Vogelsang


Wenn Du kämst
(aber Du kommst ja nicht)
picknickten wir
lautlosen Apfelkuchen
und
krachende Radieschen.
Keine Ameisen, keine Kinder
lassen wir auf die Decke krabbeln –
nur wir Zwei
nagen zierliche Hühnerbeine
vertilgen strengen Käse –

Liebesperlen auf Champagnerzungen
legen Schmetterlingsatem
in Deinen Mund –
Saftbeuteleien werden uns
nicht in den Rotwein
fallen –
der Blick Deiner grünen Augen
zerreißt den Himmel
durch die Blätter –

verstaue ihn behutsam
hinter Deinen Augenlidern und
wir werden wissen
wie Licht riecht
und Wind schmeckt –
Komm! – Wenn Du kämst …
(aber Du kommst ja nicht).

aus dem Gedichtband „Claudia Mühlhans: Der gemeine Zauber“